“40% des Berliner Straßennetzes sind marode, schätzen Experten”

Submitted by nvovn on Sa, 03/25/2017 - 09:57

(dieser Text wurde am 23.03.2010 erstellt)

So wie im Titel schreibt die Autobild vom 26. März 2010 auf Seite 22. Unübersehbar hat der harte und lange Winter seine Spuren hinterlassen. Aber was hat es mit den 40% auf sich? 2,1 Millionen Meter seien zu sanieren. OK. 2.100.000 m sind erst einmal 2.100 km, das klingt schon handhabbarer. Wenn das 40% sind, hätte Berlin ein Straßennetz der Länge 2.100 km/40% = 5.250 km. Das wird vom Statistischen Landesamt auch so ungefähr bestätigt. Erste Zweifel kommen auf, wenn die Mopo exakt ebensolche 40% für Brandenburg angibt. Dann schreibt die BZ von der Sanierung des kompletten Straßennetzes, hat allerdings bei Höhe des vorhandenen Budgets andere Ansichten als der Rest: Statt 25 M€ glaubt die BZ nur 2,5 M€ in den Händen der Asphaltgießer. 

Allerdings bleibt eine Zahl bei allen Quellen hängen: Für ca. 5.300 km würden zu Sanierung 100 M€ benötigt. Das macht ca. 19.000 € pro Kilometer. Wenn man nun beim Deutschen Städte- und Gemeindebund nachschaut, ergibt sich für ganz Deutschland ein Bedarf von 2.5 Mrd€ für 453.000 km oder mickrigen 5.500 € pro Kilometer. Wohlgemerkt zur Beseitigung der Schäden des Winters 2009/2010.

Halten wir einen Moment inne: Berlin hat ein Budget zur Verfügung, das ziemlich genau den Vorstellungen des Deutschen Städte- und Gemeindetages entspricht, fordert aber das vierfache.

Es steht außerdem eine dubiose Zahl von 40% beschädigter Straßen im Raume. 

Widmen wir uns also den 40%-”Experten”: Hier sind es die Experten des TÜV-Rheinland. In der Pressemitteilung vom 5.2.2010 werden daraus 30%-40%. Das ist schon mal eine verdächtig grobe Schätzung für Experten, “die die komplette Fahrbahn während der Fahrt zum Beispiel durch Lasermesstechnik millimetergenau erfassen”. Wenn Ich Sie z.B. bitten würde, mir die Anzahl der Buchstaben in “Lasermesstechnik” zu nennen, würden Sie bestimmt nicht sagen: “so zwischen 16 und 21″, oder?

Außerdem, und das ist der größte Haken der deutschen Straßenbaugeschichte: Was meinen die Leute mit 40%? 

40% der Straßenfläche? Dann wäre bei einer angenommen Breite von 10 m 40% von 453.000.000 m * 10 m zu sanieren, also immerhin eine Fläche von ca. 1,8 Mrd m2. Bei 2.5 Mrd € Gesamtkosten, würde die Reparatur also pro Quadratmeter völlig unrealistische 1,38 € kosten. Nein, so geht das nicht. Also nehmen wir also an, daß ein Meter Straße geschädigt ist, wenn irgendwo auf der gesamten Breite ein Schlagloch von einem Quadratmeter zu finden ist: Das reduziert die zu reparierende Fläche um den Faktor 10, oder erhöht den Preis um den selben Faktor. Nun kostet eine Schlaglochreparatur aber immer noch völlig unrealistische 13,80 €. Wir gehen jetzt einmal in die vollen: Eine Straße gilt als geschädigt, wenn auf einem Kilometer Straße mindestens ein Schlagloch zu finden ist. Das würde für Berlin mindestens 5.000 Schlaglöcher bedeuten. Und siehe da: Das deckt sich mit einer Zahl aus der Autobild. Da sagen sie, es gäbe in Berlin 60 Bautrupps, außerdem, daß ein Bautrupp von vier Mitarbeitern seit Januar (ca. 50 Arbeitstage) 5.000 Löcher beseitigt haben will und bis Oktober 10.000 weitere zumacht. Unabhängig davon, daß “die vier von der Baustelle” natürlich nicht pro Arbeitstag 100 veritable Winterschlaglöcher beseitigen, sondern wahrscheinlich alle 60 Bautrupps zusammen, kommen wir im 40%-Indizienprozeß der Sache näher. 15.000 Schlaglöcher auf 5300 km Berliner Straßen haben zur Zeit also ein Budget von 25 M€, macht ziemlich plausible 1.700 € pro Schlagloch.

In Summe: Die 40% sind nicht nachvollziehbar, der TÜV preist völlig uneigennützig (30% Einsparung!) seine Experten an, die Kommunen können von Geld einfach nie genug bekommen, und ein breitere deutsche Presselandschaft hat es gedruckt…

Tags