Hundert Liter Wasser für zwei Scheiben Brot

Submitted by nvovn on Mi, 03/22/2017 - 15:38

(dieser Text wurde am 23.03.2010 erstellt)

Heute machte ich N24 oder N-TV an und bekam die Meldung aus der Headline zu hören. Huch, dachte ich. Wie geht das? Beim Brotbacken gilt doch eher: Mehr Mehl als Wasser. 

Dann suchte ich nach den Quellen. Nun - offensichtlich kommt das Thema immer wieder hoch. Und heute scheint Welt-Wasser-Tag zu sein. 

Es gibt ein paar Leute, die sich mit “virtuellem Wasser” beschäftigen, und in der Tat tauchen da ähnliche Mengen auf: http://www.waterfootprint.org/Reports/Report12.pdf. Allerdings sucht man dort (natürlich) vergebens, wie exakt die 1000 bis 2000 l Wasser pro kg Weizen berechnet werden. Aber man kommt auf die interessante Variante, daß ein gewisser Herr Renault auch in Seefisch Süßwasser findet, weil er das Konzept des gleichnährwertigen Produktes am Ort des Verzehrs postuliert. Klar: Ein Hering ist sowas wie eine Forelle. Und wenn eine Forelle x Liter frisches Wasser braucht, braucht das bestimmt auch der Hering… Der Experte hier (Hoekstra) muß zugeben (S. 15), daß bei der Berechnung ein ziemliches Durcheinander vorherrscht. 

Eine ältere Zeitungsmeldung (diesmal allerdings, wir haben es ja mit Journalisten zu tun, ohne die lästige Beimengung des Wörtchens “virtuell”) fand ich hier: 

http://www.sueddeutsche.de/wissen/special/90/59031/9/

Und wieder steht es da: Zwei einfache Scheiben Brot = 100 Liter Wasser. Klingt nach wahnsinnig viel, oder? Aber wie kommt man darauf?

Nun. Zurück zum virtuellen Wasser bei Wikipedia:

Dort wird virtuelles Wasser in 

  • grünes virtuelles Wasser
  • blaues virtuelles Wasser
  • graues virtuelles Wasser

aufgeteilt. Grün ist das Regenwasser während einer Vegetationsperiode. Blau ist das Grund- oder Quellwasser. Grau die Menge Wassers, die verschmutzt wird. Beschäftigen wir uns also für einen Moment mit grünem virtuellem Wasser:

http://www.profil.iva.de/umwelt-verbraucher/der-weizen-jahrgang-2008

http://www.staatenderwelt.de/staaten/deutschland/deutschland.htm

Dort findet man also, daß pro Hektar 10 Tonnen Weizen erzeugt werden. 10to pro Hektar entspricht 10.000 kg pro 10.000 qm oder 1 kg/qm. Auf einen Quadratmeter regnet es ca. 1000mm pro Jahr oder 1 Kubikmeter oder 1.000 Liter Wasser. Zwei Scheiben Brot wiegen vielleicht 100 g. Also entfallen auf 100g Brot 100 Liter Regen. Autsch. Da sind ja die 100 Liter wieder. 

In diesem Zusammenhang wird auch erwähnt, daß die Produktion einer Jeans 8000 Liter Wasser verbraucht. Unter obigen Umständen heißt das nichts anderes, als daß eine Jeans 8qm Baumwollanbaufläche verbraucht. Eine wirklich bahnbrechende Erkenntnis!

In noch einmal dem gleichen Zusammenhang sollte natürlich auch gesagt werden, daß jedes Bundesligaspiel (18 Spiele pro Jahr in einem Stadion mit den Platzmaßen ca. 70×105 m) 400.000 Liter Wasser “verbraucht”. Allerdings sollte man hier nicht vergessen, daß man über die Toiletten ca. 10% wieder zurückgewinnt. Obwohl: Das ist ja graues virtuelles Wasser und wird wahrscheinlich sogar dem gesamten virtuellen Wasserverbrauch hinzugerechnet…

Man kann es nicht genug betonen: In den Medien wird das “virtuell” des postulierten immensen Wasserverbrauchs unterschlagen. Und die Zahlen lassen sich in erheblichem Maße durch Regenwasser pro Quadratmeter erklären. Und es wird natürlich das ziemlich unsexy daherkommende Faktum unterschlagen, daß der Pro-Kopf-Verbrauch von realem Wasser in Deutschland seit vielen Jahren rückläufig ist.

Das englische Wikipedia definiert “virtual” übrigens so: “The term has been defined in philosophy as ‘that which is not real’”. Ich hätte es nicht besser formulieren können…

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